Roland Kaiser

Adrenalin für die Sehnsucht

DARMSTADT. Der Backgroundchor schnipst swingend im Takt, und der Gitarrist feuert dazu ein Solo in den Saal, als leite er ein Rockkonzert ein. Doch was folgt, ist etwas ganz anderes. Mit leicht verschämtem und verschmitztem Blick schlendert er leger auf die Bühne, das weiße Hemd lässig aufgeknöpft, das weiße Einstecktuch akkurat in der Brusttasche des schwarzen Anzugjacketts: "Ich heiße Roland Kaiser", ist das Erste, was er sagt. Da schreit die begeisterte Menge.

Wer glaubt, zu Kaiser-Konzerten gehen nur ältere Leute, hat sich geschnitten. Zwar sitzen auf den halb leeren Rängen am Samstagabend in der Böllenfalltorhalle eher ältere Semester, doch vor der Bühne tummeln sich äußerst viele junge Fans. Fans wie die vier Frauen in den Zwanzigern, die ab dem ersten Ton durchgängig in Schlagerseligkeit schwelgen und dabei durch einen Strohhalm Prosecco aus Getränkedosen saugen.

Seine schönsten Lieder will der 55 Jahre alte Schlagerstar an diesem Samstagabend präsentieren – der Roland, der Kaiser, wie ihn Moderator Dieter Thomas Heck in der "ZDF-Hitparade" so oft angekündigt hat. Doch im Gegensatz zu seinen vielen Auftritten in der legendären Schlager-Sendung hat er heute eine neunköpfige Truppe dabei. Und singt live – allerdings mit Einschränkungen.

Roland Kaiser ist krank. Das kann man seinem Auftritt anmerken. Steif steht er hinter seinem Mikrofonständer, den Oberkörper wie versteckt unter einem zu groß wirkenden Jacket mit Schulterpolstern. Er sieht verspannt aus. Vor allem aber hat er Schwierigkeiten, Textzeilen zu singen, ohne zwischendrin tief Luft zu holen. Doch Abnutzungserscheinungen nach mehr als dreißig Jahren im Schlagergeschäft sind dies nicht: Im Frühjahr wurde bekannt, dass er an einer unheilbaren Lungenkrankheit leidet. "Ich kämpfe", hat er damals laut Zeitungsmeldungen gesagt. Seinem Auftritt verleiht diese Hintergrundinformation etwas Tragisches wie Beeindruckendes. Doch es bleibt fraglich, wie vielen seiner Zuschauer all dies überhaupt auffällt – Hauptsache, die Hits erklingen. Und das tun sie.

Roland Kaiser

Bei seinem größten Erfolg "Santa Maria" aus dem Jahr 1980 singt der dreiköpfige Backgroundchor die tragenden Melodielinien durch, und das Publikum stimmt – "umdada-umdada" – mit ein. Wie Adrenalin wirkt der Hit "Dich zu lieben" auch auf den Rängen, wo es sonst so verhalten zugeht. Doch nun stehen alte Damen auf und schwingen Leuchtstäbe im Takt. Im Innenraum, wo viel Platz bleibt, werden derweil Tanzschulschritte ausprobiert. "Jede sucht sich einen Mann, und wir werden tanzen", hatte sich das Viermädelsgespann in der Pause mit Prosecco im Anschlag vorgenommen, und diese Rechnung geht nun auf. Es scheint, als bringe Roland Kaiser auch die Hormone in Bewegung.

"Sexy" heißt passenderweise das neue Album des gebürtigen Berliners, der seit jeher ein lyrisches Faible hat für sexuelle Sehnsüchte und pikante Momente der Zweisamkeit. Und während ältere Zuschauerinnen sich dazu eher zurückhaltend in den schlichten Rhythmen wiegen, finden Kaisers erotische Textanspielungen zumindest im Kreise der vier jungen Damen zu späterer Stunde eine anschauliche Entsprechung: Erst wird geschwoft, dann geknutscht. Und vielleicht kauft man sich nach dem Konzert noch das Top mit der Aufschrift: "Sexy warst du schon immer."